Shakespeares „Romeo und Julia“, Bram Stokers „Dracula“ oder Borcherts „Draußen vor der Tür“ sind nur einige Klassiker der Weltliteratur, die in diesem Zuge genannt werden können. Dabei werden die unterschiedlichsten Aspekte beleuchtet, verschiedene Phasen, Fragestellungen, Probleme.
Geschichten rund um das Sterben und die Trauerbewältigung können hoffnungsvoll, schaurig, schön, dramatisch, Trost spendend, herzzerreißend und leidenschaftlich sein – alles ist möglich. Auch in der zeitgenössischen Literatur finden der Tod und die Trauer auf ganz unterschiedliche Art und Weise regelmäßig statt. Fünf Romane über das Sterben und den Tod:
„Die Lebenden reparieren“ von Maylis de Kerangal (Suhrkamp Verlag, 2015)
Wann ist man wirklich tot? Simons Hirn erleidet bei einem Autounfall irreversible Schäden. Er ist tot – hirntot – auch wenn sein Herz noch schlägt. Doch seine Organe können Leben retten, die Lebenden reparieren. Maylis de Kerangal beschreibt in ihrem bereits verfilmten Roman 24 aufwühlende Stunden im Krankenhauskosmos rund um die mögliche Organtransplantation. Die Eltern müssen in dem Moment, in dem sie vom Tod ihres Sohnes erfahren, nicht nur begreifen was geschieht, sie müssen eine Entscheidung treffen, die nicht nur ihr Leben betrifft, sondern womöglich andere rettet.
Die Autorin schafft es dabei, dieses Gefühlschaos behutsam und gleichzeitig kraftvoll zu schildern, Worte zu wählen, die einfühlsam sind und gleichzeitig angenehm sachlich und ein wenig distanziert. Sie bettet die Szenen ein in die Gedanken und Gefühle der beteiligten Personen, der Ärzte, der Betreuer, der Familie. Sie hat so ein Buch geschaffen, das den Tod in vielen Facetten beleuchtet: Ungläubigkeit, Schmerz, Trauer und Hoffnung.
„Der kleine Rest des Todes“ von Ulla Lenze (Frankfurter Verlagsanstalt, 2012)
Ulla Lenze beschreibt in ihrem kurzen Roman „Der kleine Rest des Todes“ auf intensive Art und Weise und in poetischem Stil das Leiden, das mit dem Tod und der Trauer so oft einhergeht. Der Vater der Protagonistin kommt bei einem Flugzeugabsturz ums Leben und Ariane verliert daraufhin vollkommen den Halt.
Ihre Welt friert ein, es existiert nur sie selbst und ihr Bedürfnis zu leiden. Ohne Rücksicht auf die Trauer oder die Leben anderer stellt sie sich selbst in ihrem Leiden radikal in den Mittelpunkt. Sie baut so einen krassen Gegensatz zu ihrem vorangegangenen Aufenthalt im Zen-Kloster und ihren Bemühungen nach Ichlosigkeit auf. Immer tiefer sinkt sie in ihrer egoistischen Trauer, schraubt sich in ihren Reaktionen gegenüber ihrem Umfeld zu immer eigensinnigeren Höhen hinauf.
Ihre Empfindungen werden von Ulla Lenze in kluge, detailreiche Sätze gepackt, die Wortwahl ist dramatisch wie sanft zugleich. Ein intensives Leseerlebnis, so nah und doch distanziert von der hochsensiblen Ariane und ihren ganz eigenen, radikalen Empfindungen und ihrem ich-bezogenen Leiden.

„Das Feld“ von Robert Seethaler (Hanser Berlin, 2018)
Das Feld ist ein Friedhof am Rande des fiktiven Orts Paulstadt, mit einer morschen Bank unter einer krumm gewachsenen Birke. Hier liegen die Verstorbenen, die die Kleinstadt formten, bewohnten und mit Leben füllten. Der Bürgermeister, die Schuhverkäuferin und ihr Ehemann, der Spielsüchtige. 29 von ihnen lässt Robert Seethaler in seinem Roman „Das Feld“ in 29 Kapiteln zu Wort kommen.
Sie erzählen von ihrem Leben in Paulstadt, von dem, was sie während ihrer Lebzeiten erfahren und was sie durch den Tod dazugelernt haben. Die Geschichten der einzelnen Figuren fügen sich über den Roman hinweg zusammen zu einer Chronik der Stadt, ergänzen sich und lassen den Leser Teil von der Gemeinschaft in Paulstadt werden. Man erfährt vom Brand in der Kirche, der Errichtung eines Freizeitzentrums außerhalb der Stadt und dessen Einsturz, Geschäften, die über die Jahrzehnte geöffnet und geschlossen wurden.
Robert Seethaler beschrieb bereits in seinem Weltbestseller „Ein ganzes Leben“ mit seiner Sprachgewalt, die große Weisheiten schlicht und genau auf den Punkt bringt, genau das: Ein ganzes Leben – das Schicksal eines einzelnen Mannes bis zu seinem Tod. In „Das Feld“ wird das Leben und Sterben im gewohnt präzisen und klaren Stil Seethalers noch einmal vielschichtiger dargestellt. Viele Stimmen fügen sich zu einem höchst lesenswerten Roman zusammen, der erzählt, wie das Sterben die Lebenden beeinflusst, wie der Tod Schicksale prägt.
„Schwimmen“ von Sina Pousset (Ullstein fünf, 2017)
Wie unterschiedlich Menschen mit ihrer Trauer umgehen, damit beschäftigt sich Sina Pousset in ihrem Debütroman „Schwimmen“. Milla ist seit Kindheitstagen die beste Freundin von Jan. Sie sind für sich Familie, Freunde, Leben. Kristina ist die neue Freundin von Jan, die Geliebte, für Milla der Fremdkörper in ihrem und Jans Leben. Bei einem gemeinsamen Ausflug an die Ostsee verunglückt Jan und die beiden Frauen finden ihren eigenen Weg der Aufarbeitung. Milla stürzt sich in ihre Karriere, macht einfach weiter, während Kristina zusammenbricht, sich in die Psychiatrie einweisen lässt und das Kind, das sie von Jan erwartete, von Milla großziehen lässt.
Bei dem Roman macht vor allem die Sprache die Besonderheit aus. Der melancholische und poetische Stil von Sina Pousset unterstreicht die Zerbrechlichkeit, die Jans Tod in die Leben der beiden Frauen gebracht hat, und die Überwindung, die es sie kostet, sich schlussendlich dem Tod von Jan zu stellen, die Wunden zu verschließen und tatsächlich weiterzuleben.
„Die Bücherdiebin“ von Markus Zusak (cbj, 2008)
Dass der Tod in einem Roman nicht nur ein Ereignis darstellen muss, zeigt Markus Zusak in seinem Bestsellerroman „Die Bücherdiebin“: Er macht den Tod zum Erzähler. Aus seiner Sicht wird die Geschichte von Liesel erzählt, die die letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs nach vielen Schicksalsschlägen bei Pflegeeltern erlebt. Sie lernt lesen mit dem „Handbuch für Totengräber“ und stiehlt daraufhin immer wieder neuen Lesestoff – und der Tod schließt sie dabei mehr und mehr in sein Herz.
Genau dieser vermeintliche Gegensatz zwischen dem Tod und der tiefen Menschlichkeit, den Werten Freundschaft, Familie und Liebe, ist es, der den Roman rund um Liesel, die Bücherdiebin, so berührend und ebenso lesenswert macht. Die außergewöhnliche Erzählperspektive und der Aufbau, zu dem auch Listen und Notizen des Todes gehören, machen den Roman zu einem emotionalen und bewegenden Leseerlebnis.
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