Berufsunfähigkeit: Warum wir das Risiko häufig unterschätzen
Autorin: Prof. Dr. Julia Pitters
Die unterschätzte Realität: Berufsunfähigkeit als wahrscheinliches Lebensrisiko
Die meisten Menschen denken bei großen Lebensrisiken an Autounfälle, schwere Krankheiten oder weltpolitische Katastrophen. Doch statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Erwerbslebens berufsunfähig zu werden, deutlich höher als viele vermuten. Schätzungen zufolge trifft dieses Schicksal jeden vierten Arbeitnehmer in Deutschland mindestens einmal im Leben und dauert durchschnittlich sieben Jahre – unabhängig von Branche, Geschlecht oder sozialem Status. Die Ursachen reichen von körperlichen Erkrankungen und Unfällen bis hin zu psychischen Belastungen wie Burnout oder Depressionen, die in den letzten Jahren stark zugenommen haben.
Trotz dieser hohen Eintrittswahrscheinlichkeit zeigt der aktuelle Financial Freedom Report, dass nur rund 30 % der Menschen über ausreichend finanzielle Mittel verfügen, um eine längere Phase der Berufsunfähigkeit ohne existenzielle Sorgen zu überstehen. Die Mehrheit wäre innerhalb weniger Monate auf staatliche Unterstützung angewiesen oder müsste ihren Lebensstandard drastisch senken.
Diese Diskrepanz zwischen objektivem Risiko und subjektivem Handeln wirft eine zentrale Frage auf: Warum fällt es uns so schwer, für ein realistisches, aber unbequemes Risiko vorzusorgen?
Die Antwort darauf liegt weniger in mangelndem Wissen oder Desinteresse – sondern in den Mechanismen unseres Denkens und Fühlens. Die Wirtschaftspsychologie liefert dafür faszinierende, aber auch ernüchternde Erklärungen.

Inhalt
Vorsorge als psychologische Herausforderung
Menschen sind keine rein rationalen Entscheidungsträger, auch wenn wir uns gerne so sehen. In der Realität handeln wir oft emotional, impulsiv und von psychologischen Verzerrungen beeinflusst. Das gilt besonders, wenn es um Vorsorgeentscheidungen geht, die mit Belohnungsaufschub verbunden sind: Wir müssen heute Geld, Zeit oder Aufmerksamkeit investieren, um ein zukünftiges Risiko abzusichern – eines, das vielleicht nie eintreten wird.
Vorsorge bedeutet, auf eine gegenwärtige Belohnung zu verzichten, um einen zukünftigen Schaden zu vermeiden.
In der Psychologie spricht man von Belohnungsaufschub oder „delayed gratification“. Ansatzweise wurde im berühmten „Marshmallow-Experiment“ gezeigt, dass bereits Kinder, die gelernt haben, kurzfristigen Versuchungen zu widerstehen, im Leben langfristig erfolgreicher sind. Doch auch Erwachsene haben Mühe damit – insbesondere in einer Welt, in der sofortige Bedürfnisse ständig durch einen Klick oder ein Like belohnt werden.
Im Fall der Berufsunfähigkeitsvorsorge bedeutet das: Wir verzichten heute auf verfügbares Einkommen (z. B. Versicherungsbeiträge), um ein unsichtbares, entferntes Risiko abzusichern. Das fühlt sich emotional nicht lohnend an – denn der Nutzen ist abstrakt und in der Zukunft, während die Kosten real und im Hier und Jetzt liegen.

Kognitive Verzerrungen bei der Risikoeinschätzung
Grundsätzlich ist unsere Wahrnehmung von Risiken nicht objektiv, sondern wird von psychologischen Heuristiken (vereinfachten Denkstrategien) und Verzerrungen beeinflusst. Diese mentalen Abkürzungen sind evolutionär sinnvoll – sie helfen, in komplexen Situationen schnell zu entscheiden. Doch sie führen auch dazu, dass wir langfristige Risiken wie Berufsunfähigkeit systematisch unterschätzen oder verdrängen.

Herausforderung bei Versicherungen
Aus wirtschaftspsychologischer Sicht ist die Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln bei Vorsorgethemen kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles Muster menschlichen Denkens. Wir sind kurzfristig orientiert, emotional gesteuert und kognitiv begrenzt. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns rational über Risiken und Absicherungsmöglichkeiten informieren und gleichzeitig emotionale Barrieren abbauen, die einer Entscheidung im Weg stehen.
Das gelingt durch Empathie, Transparenz und psychologisch kluges Framing: Sicherheit als Selbstfürsorge, Vorsorge als Zeichen von Stärke – nicht als Zeichen von Angst.
Fazit: Vernunft und Emotion in den Einklang bringen
Berufsunfähigkeit ist kein Randrisiko – sie ist eine reale, häufige und oft unterschätzte Lebensgefahr. Wirtschaftlich kann sie verheerende Folgen haben, psychologisch wird sie jedoch systematisch verdrängt. Die Wirtschaftspsychologie zeigt, dass Menschen nicht handeln, weil sie dumm oder leichtsinnig sind, sondern weil ihre kognitive Architektur auf kurzfristige Belohnung und emotionale Stabilität ausgerichtet ist. Vorsorge verlangt genau das Gegenteil – langfristiges Denken, rationales Abwägen und den Mut, sich mit unangenehmen Szenarien auseinanderzusetzen.
Doch mit Wissen um diese Mechanismen lässt sich das ändern. Transparenz, Perspektivenwechsel und soziale Normen helfen, rationale Entscheidungen emotional zu verankern. Vorsorge bedeutet nicht Angst – sie bedeutet Selbstwirksamkeit. Und wer heute klug handelt, schützt nicht nur seine Zukunft, sondern gewinnt auch im Hier und Jetzt ein Stück innere Ruhe.

Autorin und Expertin für Wirtschaftspsychologie
Prof. Dr. Julia Pitters
Prof. Dr. Julia Pitters ist Professorin für Wirtschaftspsychologie und leitet den Bachelorstudiengang Wirtschaftspsychologie im Fernstudium der IU Internationale Hochschule. Ihre Schwerpunkte sind Finanzpsychologie, Konsumentenverhalten und Marktforschungsmethoden.
Gebürtig aus Göttingen promovierte Pitters an der Universität Wien im Bereich Steuerpsychologie. Sie lehrte als Assistenzprofessorin an der Webster University und an diversen Universitäten im deutschsprachigen Raum, auch veröffentlicht sie regelmäßig in internationalen Fachzeitschriften. Als Gründungspartnerin von Pitters℗ Trendexpert konzertiert sie sich auf Marktforschungs- und Konsumententrends. Auch für ein Silicon Valley-Fintech war sie beratend tätig.






